Leseprobe: Topsy Turvy

Cornell

Ich müsste mich eigentlich biegen, wegen der Last, die auf mir liegt. Genauso wie es der Tisch vor mir tun müsste, und doch hält er der Belastung stand.

Nie würde ich mich beklagen, bin ich doch froh, hier und heute an der Seite meines kleinen Bruders Yale stehen zu können.

Trotzdem … schon jetzt springe ich im Dreieck, um alle seine Wünsche zu erfüllen.

»Ich würde sagen: blassrosa mit pinkfarbenen Highlights.« Die Trauzeugin der Gegenseite, Carolyn, wirft einen prüfenden Blick auf die Bilder für den Blumenschmuck, und ich schüttle den Kopf, was sie nicht sieht.

Sie wirft mir nur gelegentlich einen Blick zu, den ich als abcheckend bezeichnen würde. Uns beiden ist klar, dass ich hier allenfalls Dekoration bin und meine Meinung nicht von Interesse ist.

Trotzdem. Yale wird mich töten, wenn seine Hochzeit ein reiner Mädchentraum wird. Zwar wird Carolyn nie müde, zu betonen, dass es nur wichtig ist, was die Braut will, aber mein kleiner Bruder ist einer dieser Männer, die sich schon ewig auf die eigene Hochzeit freuen.

Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass auch er bekommt, was er will. Meine zukünftige Schwägerin Ashley ist eine tolle Frau, die Yale jeden Wunsch von den Augen abliest. Aber ihre beste Freundin Carolyn ist eine verdammte Giftspritze, die sich nur für Ashley interessiert.

Ich räuspere mich, als ich den Mut finde, mich dieser furchtbaren Frau entgegenzustellen. »Etwas Dezenteres wäre sicher schöner. Was ist mit Rot und Silber … oder Weiß?«

Carolyn sieht mich an, und wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt mausetot. »Weiß? Weiße Blumen? Passend zu den weißen Tischdecken und Hussen und natürlich zum Brautkleid?«

Ich weiß nicht einmal, was Hussen sind, und habe nur passend verstanden. »Ja, genau passend.«

Sie lacht ein schreckliches Lachen und schüttelt amüsiert den Kopf, als hätte ein Kind einen Witz gemacht. »Ja … wir bleiben bei Rosa und Pink.«

»Wir?«, frage ich, weil meine Meinung nicht von Belang ist.

Carolyn seufzt, als wäre sie genervt von mir und nicht umgekehrt. »Weißt du, Cornell, ich komme hier schon allein klar. Vielleicht … ähm, erledigst du eine andere Aufgabe.« Sie wühlt in den Unterlagen auf dem Tisch. »Ja, genau. Hier.« Carolyn reicht mir das Prospekt eines Konditors.

»Nein.« Dieses Mal setze ich mich durch.

»Nein?«, hakt Carolyn nach.

»Nicht dieser Konditor«, füge ich hinzu und zerknülle das Prospekt demonstrativ.

»Wie bitte?« Die Giftpritze sieht mich an, als wäre ich nicht ganz dicht.

»Wir wollen Catteau«, stelle ich klar.

Carolyn verzieht das Gesicht. »Das ist ein Scherz, oder?« Wieder wühlt sie in den Unterlagen auf dem Tisch und zieht ein weiteres Prospekt eines Konditors hervor. »Das wird die Hochzeit des Jahres! Da kannst du nicht einen zweitklassigen Kuchen hinstellen.«

Ich balle die Hände zu Fäusten, was dazu führt, dass ich das bereits zerknüllte Prospekt in meiner Hand noch weiter zerdrücke. »Zweitklassiger Kuchen?«

Ich stehe kurz davor, diese schreckliche Frau zu erwürgen, und muss mich sehr beherrschen, es nicht zu tun.

»Wow, Nell …« Gerade rechtzeitig kommt mein Bruder zu uns ins Wohnzimmer und spürt meine Wut sofort.

Wir sind eineiige Zwillinge und haben eine sehr innige Beziehung zueinander. Auch wenn ich nur zwei Minuten älter bin als er, ist er trotzdem mein kleiner Bruder, den ich immer lieben und beschützen werde und er mich genauso.

Er zieht mich an sich und sofort beruhige ich mich wieder.

»Was ist los?«, fragt er und hält mich eine Armlänge von sich entfernt, um mich prüfend ansehen zu können.

Ich nicke zu Carolyn und Yale seufzt. Er kann die beste Freundin seiner Verlobten auch nicht ausstehen, aber sie ist wohl wie eine Schwester für die Braut.

Ich drücke meinem Bruder den zerknüllten Flyer der Konditorei in die Hand und schaffe es gerade noch, die Tränen zurückzudrängen. Yale entgleisen die Gesichtszüge und er presst die Lippen aufeinander. Er schüttelt den Kopf. »Catteau

»Aber das ist bloß eine einfache Bäckerei«, wirft Carolyn ein. »In einer wirklich üblen Gegend.«

In der üblen Gegend wuchsen wir auf. Rosevale City wird das Armutsviertel von San Rosevale in Kalifornien genannt. Obwohl Kalifornien in einer blühenden wirtschaftlichen Lage ist, sind immer noch zu viele Menschen von zunehmender Ungleichheit betroffen.

Auch meinen Eltern machten die hohen Mieten und die Lebenshaltungskosten zu schaffen, und so zog es sie raus nach Rosevale City, wo die Wohnungen noch halbwegs bezahlbar waren.

Sie machten sich für meinen Bruder und mich krumm, damit wir mehr erreichen konnten. Angefangen mit den Namen von Eliteuniversitäten in den USA, die sie uns gaben, um zu verdeutlichen, dass sie uns ganz oben sahen.

Und so war es auch, aber das erlebten sie nicht mehr mit, weil sie bei einem Autounfall ums Leben kamen. Ironischerweise benötigten wir kein Stipendium mehr, um studieren zu können. Die Lebensversicherung unserer Eltern reichte aus, um uns nach ganz oben zu bringen.

Unsere Tante Janine nahm uns auf, als wir gerade vierzehn Jahre alt waren, und verfolgte den Plan unserer Eltern weiter.

»Catteau«, wiederholt Yale und im Gegensatz zu mir, schafft er es nicht, seine Tränen zurückzuhalten.

»Hui … so emotional«, wagt die schreckliche Frau zu sagen und schüttelt sogar den Kopf.

»Kannst du jetzt deine Schnauze halten!«, fahre ich sie an und nehme meinen Bruder in den Arm.

»Was ist denn hier los?« Ashley ist zu uns ins Wohnzimmer gekommen und findet ihren Verlobten aufgelöst in meinen Armen vor.

»Frag deine schreckliche Freundin«, brumme ich.

Carolyn hält den Flyer eines Konditors in die Höhe und wirft mir einen grimmigen Blick zu. Ashleys Augen weiten sich. Sie nimmt das Prospekt und zerknüllt es, wie ich es auch getan habe. »Catteau, Caro!«

»Ich dachte nur …«, versucht sie sich herauszureden, wird aber von Ashley unterbrochen. »Nein, nur diese Bäckerei und sonst keine!«

»Aber …«, probiert die schreckliche Frau es erneut. Ashley stoppt sie mit einer erhobenen Hand. »Ich habe dazu alles gesagt.«

Sie tritt zu uns und schlingt ihre Arme um uns beide. »Besser, du kümmerst dich um die Torte.«

»Das mache ich gerne«, entgegne ich leise und löse mich von Yale, nachdem er sich wieder beruhigt hat.

Ich trete zu dem Tisch, sammele alle Prospekte von Konditoren ein und beginne, sie zu zerreißen. Es tut gut, meine Wut an dem Papier auslassen zu können. Yale und Ashley kommen dazu und gemeinsam zerfetzen wir jeden der Flyer.

Carolyn sieht uns mit offenem Mund an. »Ihr seid doch total durchgeknallt.«

Ich sehe meinen Bruder an und wir lachen laut los.

Yale und ich sind etwas Besonderes. Vielleicht würden einige Durchgeknallt sagen, aber unsere Eltern zogen uns in dem Wissen auf, dass wir richtig sind, genauso wie wir sind.

Wir wurden zu selbstbewussten und erfolgreichen Männern. Maßgeblich waren die weltweit besten Eltern daran beteiligt. Josiah Parker und Olivia Havering haben in wilder Ehe gelebt. Eigentlich störten sie sich daran nicht, aber schließlich beschlossen sie, sich im kleinen Kreis das Ja-Wort zu geben. Mit dabei sein sollte ein Kuchen von ihrem Lieblingsbäcker Catteau.

Sie starben an einem ihrer Dateabende, die sie sich einmal im Monat gönnten, um zu feiern, was sie hatten. Unsere Eltern waren solche Menschen, die selbst kleine Fortschritte als etwas Besonderes ansahen und sich an ihnen erfreuen konnten. Leider erlebten sie ihre eigene Hochzeit nicht mehr.

Für Yale und mich war immer klar, dass unsere Hochzeitstorten von Catteau sein werden, sollten wir je heiraten.

Cornell

Ich klappe meinen Laptop zu und lehne mich in meinem bequemen Bürostuhl zurück. Gedankenverloren lasse ich meinen Blick aus dem Fenster gleiten, hauptsächlich um meinen Augen eine Pause zu gewähren. Yale und Ashley suchen heute ihre Ringe aus, daher arbeite ich für meinen Bruder mit.

Gerade habe ich eines seiner Meetings hinter mich gebracht, bei dem ich nur die Hälfte verstanden habe.

Das ist das Gute und gleichzeitig Schlechte daran, dass es mich zweimal gibt: Wir haben Zugriff auf zwei Gehirne, was mehr Kapazitäten bietet. Zwar sehen wir identisch aus und können unsere Arbeit gerecht aufteilen. Aber leider habe ich keinen Zugriff auf Yales Gehirn und er nicht auf meines. Insofern war ich bei diesem Meeting auch nur Dekoration. Aber wenigstens erhält Yale die Notizen von mir und wird entsprechende Entscheidungen treffen, die ich aus Mangel an Informationen nicht treffen kann.

Ein Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken.

»Ja?«, frage ich.

Mein Assistent Cole tritt in mein Büro. »Was möchtest du zu Mittag essen?« Er meidet meinen Blick und ich bin froh darüber.

Ich werfe einen schnellen Blick auf die Uhr, erschrocken darüber, dass es schon Mittag ist. Schnell erhebe ich mich. »Ah Mist … ich esse außerhalb.«

»Du hast keinen Termin eingetragen, sonst hätte ich dich rechtzeitig informiert«, sagt Cole und sieht mich nun doch an.

»Das ist privat«, entgegne ich und erwidere seinen Blick.

Langsam nickt er. »Privat … ja natürlich.« Ein Schnauben entweicht seinem Mund.

»Kann ich dir helfen?«, erkundige ich mich ungeduldig.

»Nein, vielmehr solltest du dir selbst helfen.« Cole schüttelt den Kopf.

Ich gehe an ihm vorbei und drücke die Tür zu, die mein Assistent offen ließ. Langsam drehe ich mich zu ihm um. »Cole … wenn du deine Kompetenzen weiter überschreitest, kannst du nicht länger für Havepark arbeiten.«

Havepark ist ein Startup-Unternehmen, das mein Bruder und ich nach dem Studium gründeten. Wir kombinierten dafür die Nachnamen unserer Eltern.

Unser Unternehmen kauft gebrauchte Schulbücher, bereitet sie entsprechend auf und verkauft sie für kleines Geld an Familien, die sich neue Lernmaterialien nicht leisten können. Mit einigen Schulen haben wir auch Kooperationen ausgearbeitet und digitalisieren die Schulbücher.

Als Startup gehören wir der Gattung Zebras an: Wir arbeiten gemeinnützig und profitorientiert. Und vor allem erfolgreich. Unsere Eltern wären stolz auf uns.

Cole starrt mich an, als wäre ich verrückt. »Meine Kompetenzen … du meinst, als ich dir einen geblasen habe?« Er wird laut.

»Shh«, zische ich ihm zu und dränge ihn damit, leiser zu sprechen. »Ich hatte es dir doch bereits erklärt.«

Auf der Weihnachtsfeier in der Firma habe ich leider etwas zu tief ins Glas geschaut. Die Stimmung war lustig und ausgelassen. Aber je später der Abend, desto dümmer die Entscheidungen – so sagt man doch, oder?

Cole und ich küssten uns und es kam zum Oralverkehr. Ich war betrunken und wundere mich immer noch darüber, dass mein Schwanz überhaupt steif geworden ist. Zumal ich eigentlich auf Frauen stehe.

Eigentlich … eigentlich trinke ich nachmittags auch keinen Kaffee mehr und liege dann die halbe Nacht wach …

Leider nagelt mein homosexueller Assistent mich auf diesen Ausrutscher fest. Denn das war es – ein Ausrutscher. Eigentlich …

»Echte Heteros werden auch betrunken nicht plötzlich schwul«, klärt Cole mich zum hundertsten Male auf.

Frustriert werfe ich die Hände in die Luft. »Ich habe dazu alles gesagt.«

»Klar.« Wieder schnaubt Cole.

»Selbst wenn es stimmen würde und ich schwul wäre, hätte ich trotzdem kein Interesse an dir«, platze ich heraus, und weiß direkt, dass ich meine Klappe hätte halten sollen.

»Ach?« Cole sieht mir wütend entgegen.

Ich kann jetzt nicht mehr zurück. »Was immer du dir einredest, existiert nicht … Du kannst weiter für mich arbeiten, aber das war es dann auch.«

»So?« Cole legt den Kopf schief. »Ich könnte dich auch verklagen.«

»Weswegen denn?«, frage ich schockiert.

»Sexuelle Belästigung und Machtmissbrauch«, erwidert Cole ungerührt.

»Das war einvernehmlich.« Ich seufze. »Natürlich verstehe ich, dass du wütend bist, aber ich habe zu viel getrunken und einen Fehler gemacht. Es tut mir leid.«

Cole schließt kurz die Augen und atmet tief durch. »Ja, du hast recht … ich bin nur sauer, weil es für mich mehr war.«

»Bitte verzeih mir«, entschuldige ich mich. »Ich hatte nie vor, dich zu verletzen.«

»Ich weiß …« Cole nickt. »Das weiß ich sogar sehr genau und trotzdem tut es weh.«

Mein Assistent wendet seinen Blick ab und dreht sich zur Tür um. »Sie haben um drei das nächste Meeting, Mr. Havering.«

»Cole … bitte tu das nicht«, sage ich leise, aber mein Assistent ignoriert meine Bitte und verlässt mein Büro, ohne noch ein Wort zu sagen.

Von diesem Vorfall auf der Weihnachtsfeier weiß niemand etwas. Ich habe nicht einmal meinem Bruder davon erzählt, obwohl Yale mein bester Freund ist.

Was hätte ich ihm denn auch sagen sollen?

Ich habe mir von meinem Assistenten den Schwanz lutschen lassen?

Das würde Fragen aufwerfen, auf die ich selbst keine Antwort weiß. Zumal mir das nicht zum ersten Mal passiert ist und auch nicht zum zweiten Mal. Und nicht zum dritten oder zum vierten Mal. Offen gesagt, habe ich aufgehört zu zählen, wie oft ich betrunken war und am nächsten Tag neben einem wildfremden Kerl aufwachte.

An die Nächte erinnere ich mich nur noch dunkel, aber ich spüre noch immer die Gefühle am nächsten Morgen. Scham, Ekel, Übelkeit – wobei das auch am Alkohol gelegen haben könnte.

Mein komplettes Studierendenleben verlief so: Ich stolperte von einer Party zur nächsten – von einem Kerl zum anderen. Natürlich sind meine nächtlichen Eskapaden auch zu Yale durchgedrungen. Aber er sprach mich nie darauf an.

Das war schon immer unser Ding. Wenn einer von uns Redebedarf hat, kommt derjenige selbst auf seinen Zwilling zu. Keiner drängt den anderen zu irgendetwas.

Irgendwann hörte ich auf zu trinken und die Ausrutscher stellten sich ebenfalls ein. Eine Weile lief das auch gut, bis zu der besagten Weihnachtsfeier.

Ich dachte, ich hätte es im Griff und könnte guten Gewissens etwas trinken. Aber dem war nicht so. Etwas passiert mit mir, wenn ich alkoholhaltige Getränke konsumiere. Vielleicht habe ich ein Alkoholproblem … oder meine Schwierigkeiten sitzen tiefer.

So oder so habe ich weder Zeit noch Lust, mich mit einer Identitätskrise auseinanderzusetzen, nicht, wenn ich jetzt schon im Dreieck springe.

 

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