Leseprobe: Pain of the Jinn

Cassian

Herzrasen

Roter Kopf

Kribbeln im Bauch

Sicherheitsempfinden

Zunehmendes Selbstbewusstsein bei gleichzeitiger Schüchternheit.

Vermehrtes Schwitzen

Fehler des Angebeteten werden nicht erkannt

Tatendrang

Tatendrang? Ich lasse meinen Blick über diesen letzten Punkt auf der Liste gleiten. Tatendrang ist gleichbedeutend mit mehr Energie, oder?

Meinte er das mit Liebe?

Liebe …

Ich verstehe davon nichts. Auch der Sinn dahinter erschließt sich mir nicht. Trotzdem musste ich zumindest in Erwägung ziehen, dass er recht hatte.

Ein tiefer Atemzug entweicht mir, als ich das Papier zerknülle und an die Wand schmeiße.

Diese Liste ist durch Befragungen entstanden – Befragungen von Wesen, die Liebe empfinden können. Sie alle gaben mehr oder weniger die gleichen körperlichen Veränderungen an.

Lieber hätte ich sie alle aufgeschnitten und mir angeschaut, was sich in ihrem Inneren abspielt.

Aber damit wäre mir nicht geholfen gewesen, wenn ich es verstehen will – sogar muss.

Es war vor einem Jahr, da begegnete ich einem Dschinn, der anders war. Er wirkte nicht abgekämpft, wie der Rest von uns.

Als ich ihn fragte, wie er das geschafft hat, sagte er, die Liebe wäre der Schlüssel. Aus ihr könnten wir Kraft schöpfen.

Für jedes Wesen unserer Art gäbe es angeblich ein passendes Gegenstück, an das wir uns nur zu binden bräuchten. Aus diesem Puzzlestück könnten wir unendlich Energie schöpfen, weil die Liebe sie ständig nachproduziere.

Tja, was soll ich sagen? Ich hielt ihn für verrückt. Das kommt häufiger vor. Einige von uns schnappen aus Energiemangel irgendwann über.

Diesen Dschinn sah ich nie wieder. Aber er blieb mir im Gedächtnis.

Anders als meine Artgenossen wollte ich mich nie mit unserer Art zu leben abgeben. Immer schon wollte ich mehr. Mit genug Energie könnte jeder von uns sich seine ganz eigenen Wünsche erfüllen – jeden Wunsch.

Aber nie gelang es einem von uns, weil wir keinen Lebenssaft aus uns selbst heraus generieren können, wie andere Lebewesen. Wir kommen mit so viel Kraft zur Welt, dass wir aufwachsen können. Sobald wir dem Jugendalter entwachsen sind, verlieren wir jeden Tag Energie. Mit spätestens Mitte zwanzig müssten wir eigentlich tot sein.

Aber wir fanden einen Weg, das Lebenselixier anderer Wesen abzuzapfen. Damit leben wir jedoch nur von Tag zu Tag. Ständig sind wir auf der Suche nach neuer Beute. Aber sie liefert gerade genug Kraft zum Überleben und hält nicht lange vor.

Ich kann spüren, wie meine Energie von Minute zu Minute mehr schwindet.

»Cassian!«, ruft mich Runar und kündigt damit seine Rückkehr an.

Erleichterung durchströmt mich, als ich mich von meinem Schreibtisch erhebe.

Ich verlasse mein Zimmer und gehe zu den anderen Dschinns, die von der Jagd zurückgekehrt sind.

»Habt ihr ihn gefunden?«, frage ich.

»Nein, aber drei Gellos und einen Incubus«, antwortet Runar stolz.

Ich verziehe das Gesicht, weil ich auf ein Wesen mit mehr Wertigkeit gehofft hatte. Wir suchen nach diesem einen besonderen Dschinn und seiner Idee von der Liebe. Er soll uns helfen, das Lebenselixier besser zu verwerten – so wie er es tut. Ich glaube nicht mehr an das Märchen von der Liebe, das er mir erzählte.

Auch deshalb, weil wir es ausprobiert haben. Meine Verbündeten sahen mich an, als wäre ich verrückt. Aber ich wollte zumindest in Erwägung ziehen, dass es solche Gefühle wirklich gibt. Ich gehe die Liste in meinem Kopf wieder durch: Keiner von uns litt an Herzrasen, bekam einen roten Kopf, schwitzte oder hatte ein Kribbeln im Bauch.

Sicher fühlen wir uns immer, außer in Bezug auf unser eigenes Überleben. Und über mangelndes Selbstbewusstsein können wir auch nicht klagen.

Schüchternheit? Wir und schüchtern?

Jedes Fabelwesen, das mit Dschinns Bekanntschaft macht, würde allein über diese Annahme den Kopf schütteln.

Fehler des Angebeteten werden nicht erkannt? Die anderen Kreaturen sind ein einziger Fehler. Sie dienen nur als Energiequelle für uns.

Tatendrang? Dieser letzte Punkt lässt mich wie immer stutzen. Ja, die anderen Fabelwesen versorgen uns mit Energie, ergo mit Tatendrang. Aber es ist nicht genug – niemals ist es genug.

Trotzdem hoffe ich jeden Tag, dass meine Verbündeten doch noch etwas finden, das uns helfen wird. Früher gab es diese besonderen Wesen, die uns hätten helfen können … aber Gerüchten zufolge sind sie alle tot.

»Den Incubus haben wir vor dem Haus angebunden, falls du Hunger hast«, lässt mich Runar wissen und zwinkert mir zu.

Meine Verbündeten sorgen immer dafür, dass ich nicht selbst auf die Jagd gehen muss. Und ich bin froh darüber. Mich treibt nur meine Aufgabe an: unser Leiden endlich zu beenden.

Damals nahm ich Dschinns bei mir auf, um mich mit meinen Artgenossen zu umgeben. Die Menschen würden sagen, dass ich der Einsamkeit entgegenwirken wollte. Aber das fühle ich nicht – Dschinns fühlen nicht.

Wir sind Einsiedler und es ist meine Bestimmung, so leben zu wollen.

Ich lasse meine Verbündeten zurück und gehe nach draußen zu dem Incubus. Er ist in seiner Gestalt als Mensch und hockt nackt auf dem Boden.

Es ist üblich, dass wir die genommene Energie nutzen, um die Fabelwesen in ihrer Gestalt als Menschen zu halten. Nur so können wir uns ihnen körperlich nähern. Wir sind eben verschiedene Spezies.

Der Incubus sieht mich aus großen, braunen Augen an und verzieht angewidert die Lippen.

Ich verstehe ihn, finde ich es doch selbst ekelhaft, mich niederen Kreaturen nähern zu müssen. Aber ich habe keine Wahl, wenn ich überleben will.

Er selbst sollte doch wissen, wie das ist. Seine Artgenossen bedrängen Menschen, während sie schlafen.

Aber natürlich sind immer wir Dschinns das Problem, weil wir Fabelwesen zu unseren Nutztieren machen.

Wütend packe ich den Incubus an den Haaren und drücke ihn vor mir auf den Boden. Er wehrt sich heftig.

Ich unterdrücke die Übelkeit in mir, als ich seine Beine auseinanderdrücke. Allein seine Haut zu berühren, widert mich an.

Aber ich will leben – ich will doch nur leben …

Alvar

Der Geruch nach feuchtem Holz dringt mir in die Nase. Ich sitze auf einem Ast und baumle mit den Beinen.

Diese Tage sind mir die liebsten – wenn es in der Nacht regnete und die ersten Sonnenstrahlen am Morgen die Nässe langsam trockneten.

Das Wasser aus der Baumkrone über mir tropft auf meine Flügel, die in der Sonne golden schimmern, und ich schüttle sie aus.

Es wird langsam Herbst und ich liebe es.

»Ich werde nie verstehen, wie du diese Feuchtigkeit erträgst.« Mein Bruder Adrik erschaudert, während er vor mir herumflattert.

Er ist zwei Jahre jünger als ich und mein Ein und Alles. Wir hatten Eltern und eine Schwester, aber sie starben. Damals war ich gerade achtzehn Jahre alt. Nach ihrem Tod mussten wir fliehen. Vor einem Jahr fanden wir Unterschlupf bei einer anderen Familie von Feen. Wie fast alle Exemplare unserer Artgenossen sind sie in der elementaren Magie bewandert.

Mein Bruder und ich hingegen gehören einer seltenen Feenart an, von der es, soweit wir wissen, nur noch uns beide gibt. Als Empathen können wir die Gefühle von anderen Fabelwesen und Menschen spüren und auch beeinflussen. Wie alle anderen Feen ziehen wir Kraft aus den Elementen. Aber anders als sie, können wir sie an Gefühle koppeln – sowohl an eigene als auch an fremde.

Zumindest, wenn wir unsere Fähigkeit beherrschen können. Leider gelang es bisher kaum jemandem unserer Art, aber mir schon. So schaffte ich es, meinen Bruder zu retten. Ein schwacher Trost, weil ich den Rest meiner Familie gehen lassen musste.

Niemand weiß, dass es uns noch gibt, weshalb wir uns weiter verstecken. Aber die Feen, bei denen wir leben, ahnen sicher etwas, weil wir unsere Natur nicht völlig unterdrücken können. Unsere Intuition ist stark ausgeprägt und wir sind hypersensibel für unser Umfeld.

»Konzentrier dich«, fordere ich meinen herumflatternden Bruder auf.

Er beherrscht seine Kraft nicht, dabei versuche ich täglich, es ihn zu lehren. Im Fall der Fälle sichert es sein Überleben. Aber er strengt sich nicht genug an.

»Können wir nicht wieder zurück, Alvar?«, meckert mein Bruder. »Ich bin schon ganz nass.« Er schüttelt seine Flügel, die anders als meine silber sind.

Sonst sieht er mir sehr ähnlich. Von den leuchtend grünen Augen bis zu den weißblonden Locken. Innerlich unterscheiden wir uns aber. Ich mag Regen und Nässe – klassisches Herbstwetter, während Schönwetter-Adrik es hasst.

Ich schließe die Augen und spüre das Wasser in meiner Umgebung, bevor ich es trocknen lasse. Die Freude meines Bruders darüber umgibt mich wie eine warme Sommerbrise.

Es müssen keine Gefühle kontrolliert werden, um jemanden glücklich zu machen. Immer geht es auch anders. Unsere Eltern erzogen mich dazu, meine Gabe nur zur Verteidigung einzusetzen. Da sie ihre Fähigkeiten nicht kontrollieren konnten, lehrte es mich meine Schwester. Aber sie zeigte mir den wahren Weg der Verteidigung: Angriff. Dieses Wissen beherzige ich nach ihrem Tod mehr denn je und gebe es nun an meinen Bruder weiter – zumindest versuche ich es.

»Danke«, sagt Adrik und lässt sich neben mir auf dem Ast nieder.

Wir genießen die Ruhe im Wald. Ich lasse ihn sich immer wieder an meinen Gefühlen ausprobieren.

Hier stört uns niemand. Wir leben in einem abgeschiedenen Haus etwas weiter entfernt im Wald. Die Menschen nennen diesen Ort Westport, eine Stadt im US-Bundesstaat Maine, der The Pine Tree State genannt wird, was Kiefernstaat bedeutet. Neunzig Prozent dieses Staates bestehen aus Kiefernwald und wir leben mittendrin.

Nach dem Tod unserer Eltern suchten wir diesen Ort auf – verbündeten uns mit unserem Volk, um uns besser verteidigen zu können.

In Angst leben wir trotzdem – jeden Tag.

Die trügerische Sicherheit, die wir uns schufen, könnte schon sehr bald vorbei sein. Wir alle wissen das, aber es gibt rein gar nichts, was wir dagegen tun können – mein Volk kann es nicht. Kämpfen bringt ihnen nichts, weglaufen und verstecken auch nicht. Ihr Leben ist ein Warten auf das Ende, während meines ein Warten auf den richtigen Moment ist.

Ich werfe meinem Bruder einen kurzen Blick zu und frage mich, ob er überhaupt je kommen wird. Er ist nicht wie ich, obwohl ich darauf gehofft hatte.

Plötzlich fühle ich mich, als wäre ich mit roter Farbe übergossen worden. »Wut«, sage ich und greife nach der Hand meines Bruders, um ihn zu leiten.

Alle Gefühle haben eine Farbe und die rote, klebrige Masse haftet an mir, sodass ich kaum atmen kann. Ich schließe die Augen und kopple meine Empfindungen von den Fremden ab.

»Rosa«, füge ich hinzu, und Adriks Wangen färben sich in dieser Farbe.

»Dschinns«, knurre ich. Nur diese boshaften Kreaturen schaffen es, Rot mit Rosa zu kombinieren.

Plötzlich hören wir die Schreie.

Ich fliege los und ziehe meinen Bruder mit mir mit. Aber er stoppt mich. »Willst du, dass sie uns erwischen?«

»Sollen wir sie einfach zurücklassen?«, frage ich.

Scheiß auf den richtigen Moment – er ist gekommen, weil ich es so will. Ich warte schon seit Jahren darauf, mich zu rächen, und hatte gehofft, meinen Bruder bis dahin vorbereiten zu können.

»Sie sind doch schon tot«, sagt er leise, und ich schäme mich für ihn.

Ich schüttle den Kopf und beginne, die fremde Wut, die ich spüre, zu kontrollieren. Zeitgleich kämpfe ich gegen das Rosa an.

Wir nähern uns dem Haus unserer Feenfamilie, in dem wir bisher lebten. Kein Geräusch ist zu hören – es ist totenstill.

Als wir das Haus betreten, dreht sich mir der Magen um: Blut. Überall – auf dem Boden, den Betten, dem Esstisch, auf dem wir unsere Mahlzeiten einnahmen.

»Wo sind sie?«, fragt Adrik leise. »Denkst du, die Dschinns haben sie mitgenommen?«

Soweit wir wissen, machen diese boshaften Kreaturen nur selten Gefangene. Und wenn, dann nur wenige. Eigentlich nehmen sie nur, was sie von uns brauchen und verschwinden wieder. Wenn dabei jemand umkommt oder sich wehrt … nun ja, die Dschinns setzen ihren Willen mit Gewalt durch.

Adrik geht wohl der gleiche Gedanke durch den Kopf wie mir. Ich kontrollierte die Emotionen dieser Barbaren und sorgte dafür, dass die Feen den Angriff überlebten. Gerade fragen wir uns, ob es nicht besser gewesen wäre, sie in Ruhe sterben zu lassen. Stattdessen rettete ich sie, damit sie nun in Gefangenschaft der Dschinns leiden können.

»Wir werden sie suchen gehen«, sage ich. »Es ist meine Schuld.«

Adrik schüttelt den Kopf. »Du bist total verrückt.«

Dem habe ich nichts hinzuzufügen …

Ich konzentriere mich auf meinen Bruder und darauf, seine Angst zu drosseln, dass ich sie zu spät bemerke. Plötzlich sehe ich blauen Rauch und weiß sogleich, dass es ein Fehler war, zurückzukehren.

Adrik schreit auf, als seine Flügel brechen. Er verwandelt sich in seine menschliche Gestalt und liegt nackt auf dem Boden.

Nun bin ich es, der rot sieht. Ich kanalisiere die Wut und die Erde bebt unter meinen Füßen, genau in dem Moment, als der Dschinn durch die Tür tritt. Er ist in seiner menschlichen Form: groß, muskulös, mit einem blauen Schimmer in den Augen. »Wir haben wohl zwei vergessen.« Er grinst teuflisch.

Obwohl ich nicht zeigen darf, was ich bin, will ich ihn gerade mit seiner eigenen Wut ersticken, als mein Bruder aufschreit.

»Aufhören!«, brülle ich und der Dschinn reißt die Augen auf.

Ich versuche, meine Wut zu kontrollieren, weil ich sicher bin, dass ich sie ihn spüren lasse. Er weiß längst, was er gefunden hat: eine empathische Fee.

Ein weiterer Dschinn betritt das Haus. Ein muskulöser Riese mit blauer Haut, wilden hellblauen Haaren und dunkelblauen Augen.

»Wir haben hier einen Kämpfer«, informiert ihn der Dschinn in Menschengestalt. »Mutmaßlich ein Empath.«

»Die sind ausgestorben«, brummt der andere.

»Offenbar nicht.« Er bricht schmerzhaft meine Flügel, damit ich mich in einen Menschen verwandle. Ich schreie auf und kämpfe gegen den Schmerz an.

Die Dschinns schreien mit mir, weil ich mein Leid mit ihnen teile.

»Mach, dass das aufhört!«, presst einer der Dschinns hervor, und plötzlich wird alles um mich herum dunkel.

 

Lust auf mehr? (Hier erhältlich)

Noch unentschlossen?

Hier findest du mehr Infos: Detailseite

Du willst eine längere Leseprobe?

Die bekommst du, wenn du dich hier anmeldest 😁

 

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert